Veränderungen

Don’t worry, be happy – oder so?!

Heute möchte ich beschreiben welche Auswirkungen eine Erkrankung wie Multiple Sklerose haben kann. Welche Bereiche es umfasst und wie groß dann auch finanzielle Sorgen werden können. Vielleicht kann sich der ein oder andere hier wiederfinden. Menschen, denen es gut geht, können sich dann vielleicht ein wenig in die Lage eines Kranken versetzen und stellen fest, dass es mit der Tatsache, dass man krank ist, nicht unbedingt getan ist und das unter Umständen ganz üble Konsequenzen haben kann.

Da ich meinen eigentlich erlernten Beruf (Krankenschwester) nicht mehr ausüben kann, habe ich gemeinsam mit meinem Chef überlegt wie ich eingesetzt werden kann. Da ich zum Glück in einem sehr großen und umfangreichen Betrieb arbeite, gibt es viele Möglichkeiten. Mein Chef schlug mir sogar eine Beschäftigung vor, die er quasi extra für mich einrichtet. Dafür benötigten wir jedoch finanzielle Unterstützung. Aufgrund meines jungen Alters – ich bin 25 Jahre alt – ist die Bundesagentur für Arbeit für mich zuständig. Also beantragte ich dort Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, welche inzwischen auch genehmigt wurden. Kommende Woche wäre die letzte Begehung des zukünftigen Arbeitsplatzes gewesen und der technische Dienst hätte im letzten Schritt alles abgesegnet, die Umbaumaßnahmen hätten begonnen und ich hätte dann einsteigen können, wenn ich so weit bin. Vorgestern jedoch erhielt ich Post von der Deutschen Rentenkasse, in der mir mitgeteilt wurde, dass ich rückwirkend zum 01.12.2016 volle Erwerbsminderungsrente bekomme. Den Antrag bei der Bundesagentur für Arbeit hatte ich im März gestellt, also rückwirkend schon als Rentner, weshalb das ganze Verfahren jetzt gecanceled wird. Alles. War. Umsonst. Ich habe tagelang mehrere Anträge ausfüllen müssen, Gesundheitsbogen, Arztberichte kopiert…. Und jetzt stehe ich mit nichts da. Es kotzt mich einfach nur an. Alles auf Null.

Meine volle Rente umfasst 814€. Ich korrigiere mich – die 70 Cent möchte ich nicht unterschlagen. Anspruch auf jegliche Sozialleistungen habe ich nicht, da mein Auto und mein Kontostand, sowie Sparkonten die 5000€ überschreiten, die ich maximal besitzen darf. Dazu gehört wirklich alles. Girokonto, Tagesgeldkonten, Sparbücher, Bausparverträge, private Altersvorsorge (bis auf Riester) und eben sowas wie das eigene Auto. Ich muss zuerst mein Auto verkaufen, Versicherungen – wenn möglich – auflösen und von diesem Geld dann leben. Wenn das Geld dann verbraucht ist, kann ich einen Antrag beim Sozialamt stellen. Es ist kaum zu fassen,aber wahr. Somit stehe ich ab 10.07. ohne Geld da, die erste Rentenzahlung erhalte ich am 31.08. Wenn ich meine Eltern nicht hätte, wäre ich verloren. Wie machen das Menschen, die keine Eltern haben, die unterstützen können? Da ich in Frankfurt lebe und dies die zweitteuerste Stadt in Deutschland ist, sind 814€ wirklich ein Witz. Alleine meine Miete beträgt 755€ warm. Da fragt man sich doch wie man über die Runden kommen soll?! Mich hat das ganze im ersten Moment unglaublich fertig gemacht und ich habe viele, viele Tränen vergossen. Aber mehr als mich darüber zu informieren was es noch für finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten gibt, bleibt mir gerade nicht. Ich kann nur darauf hoffen, dass das Coimbraprotokoll wirkt und ich in kleinen Schritten wieder ins Arbeitsleben finde. Zuerst mittels eines 450€-Jobs – denn das darf ich mir maximal zur Rente hinzuverdienen – und dann hoffentlich ganz bald in Teilzeit mit Erwerbsminderungsrente.

Damit möchte ich einfach mal verdeutlichen, dass Kranksein nicht „nur“ das Aushalten von Symptomen bedeutet, sowie ständige Arztbesuche, Einschränkungen auf das soziale Leben bezogen, Auswirkungen auf die beruflichen Fähigkeiten. Nein. Die finanziellen Sorgen können ganz schnell ziemlich groß werden. Momentan bleibt mir nichts übrig als die volle Rente in Anspruch zu nehmen, denn ich kann nach wie vor noch nicht wieder arbeiten gehen. Das zerfrisst mich. Aber wer weiß wozu es gut ist. Vielleicht damit ich mich voll und ganz darauf konzentrieren kann wieder auf die Beine zu kommen? Ohne Druck und Stress, den ich mir immer wieder selbst mache und der mir und vor allem auch der MS nicht gut tut. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass meine MS durch das Coimbraprotokoll zum Stillstand kommt und, dass belastende bestehende Symptome besser werden. Denn wie ein Leben mit 814,70€ monatlich aussehen soll, möchte ich mir gar nicht erst vorstellen…

9 Kommentare zu „Don’t worry, be happy – oder so?!

  1. Hallo Julia,
    wie wir alle wissen, ist es am wichtigsten ruhig zu bleiben. Also bitte, damit keine neuen Schübe ausbrechen bleib ganz ruhig und sehe die Erwerbsminderungsrente als Chance erst einmal zur Ruhe zu kommen und neue Kräfte zu sammeln. Jetzt ist es nun mal so. Jeder von uns geht diesen Weg. Bei mir ist es, ich glaub Februar 2018 so weit. Ich erhalte Krankengeld. Ich war vorab seit Januar 2016 arbeitslos. Auch das ist alles andere als gut und schön mit meinen 50 Jahren. Leider hatte ich nämlich viel Pech im Leben und war oft arbeitslos, so dass ich nicht gerade viel eingezahlt habe in die Rentenkasse. Aber… was soll´s. Das wir unsere Finanz-Reserven aufbrauchen müssen, ist das traurigste was wir in Deutschland erleben müssen. Wer rechnet damit das man als junger Mensch so erkrankt wie wir, ja keiner. Stelle in Ruhe später den Antrag beim Sozialamt, du hast einen Anspruch darauf, dass sie dir früher oder später was zuzahlen, damit es zum „Leben“ reicht. Mich stresst natürlich auch der Gedanke nächstes Jahr einen Antrag auf Rente stellen zu müssen, aber was soll´s. Übrigens mache ich das Coimbraprotokoll seit dem 28.07.2017 und finde deine Seite, die ich zufällig gefunden habe, ganz toll. Mach gerne weiter so. Wichtig ist, das es uns hoffentlich dank der Coimbra-Therapie bald besser geht. Und dann… kann uns die ganze Welt, Ämter usw. mal gerne haben, lach.
    Karin

    1. Liebe Karin, du hast mit allem Recht. Natürlich bringt aufregen, weinen, hadern, etc. nichts – höchtens Stress und den können wir am wenigsten gebrauchen. Mittlerweile habe ich mich mit meiner Situation abgefunden und weiß, dass dies der beste Weg ist wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe von allen Seiten eine großartige Unterstützung und werde eines Tages mit einem Lächeln auf diese Zeit zurückblicken, weil es wieder eine Hürde war, die ich gemeistert habe. Ich wünsche dir alles Gute und dass das Protokoll wundervolles bei dir bewirkt 🙂 Liebe Grüße Julia

  2. Hallo Julia, auch ich bekomme volle Erwerbsminderungsrente auf 3 Jahre. Ohne meinen Partner würde ich mit meiner Rente (560,00€- ich bin 39 Jahre und habe immer in meinen erlernten Beruf als Bürokauffrau volltags gearbeitet!) auch nicht auskommen. Aber der Schritt hat etwas Zeit gebracht um durchzuatmen. Denn der Druck das das Krankengeld ausläuft und man nicht weis wie es finanziell weitergeht, bringt einen an seine persönlichen Grenzen! Du siehst, es geht Dir nicht allein so. Sei tapfer es wird bestimmt eine akzeptable Lösung für Dich geben. Ich selbst stehe wieder vor dem ganzen Papierkram, denn meine Rente muss neu beantragt werden! Und dieser nervliche Stress schadet mir und meiner MS. Liebe Grüße Claudia

    1. Liebe Claudia, ich merke ich sehr deutlich wie sehr der ganze finanzille Druck auf mir lastet. Du triffst es auf den punkt: seit ich das Schreiben der KK bekam, dass mein Anspruch auf Krankengeld ausläuft, stehe ich unter Dauerstrom und jetzt kann mein Körper nicht mehr „durchhalten“ und „aushalten“ und zeigt mir eben, dass er nicht mehr kann. Die Rente ist finanziell das schlimmste für mich, aber auf der anderen Seite, kann ich mich jetzt 1,5 Jahre auf mich konzentrieren und schauen, dass ich wieder auf die Beine komme. LG Julia 🙂

    1. Hallo, das ist wirklich traurig, dass man arbeitet und macht und tut und nichts von seinem Geld hat, wenn man krank wird. Ich hoffe ihr kommt irgendwie mit eurem Geld hin.

  3. Ich kann dem nur zu stimmen.
    Ab 1.07.17 kann ja etwas mehr dazu verdient werden.
    Aber das Croimberprotokoll ist sehr kostspielig und kommt allein deshalb für mich noch nicht in Frage.
    Ich bin schon über 10 Jahre berentet. Und kämpfe mit dem Geld aber es geht mir gesundheitlich wesentlich besser.

    1. Liebe Uschi, dann weißt du ja genau wovon ich speche. Das CP ist nicht günstig – am Anfang muss man einiges Aufbringen, das stimmt. Wenn ich meine Eltern nicht hätte, könnte ich es mir nicht leisten 🙁 da muss sich was ändern. Das CP müsste jedem ermöglicht werden. Vielleicht ist es eines Tages ja mal so weit. Ich wünsche es allen da draußen <3

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