Briefe an die MS

Eine durchwachsene Beziehung

Liebe MS,

ich habe das Gefühl seit ich dir einen Platz in meinem Leben gewähre und nicht mehr so stark gegen dich ankämpfe, dich wegschieben will, verdrängen, los werden, ja gar ausrotten – ja, da bist auch du etwas sanfter geworden.

Die ersten zweieinhalb Jahre waren für uns beide sehr hart. Du hast dich immer mehr in meinem Körper ausgebreitet und hast dabei mächtig Widerstand gespürt. Fakt ist: ich wollte dich nicht hier haben. Dich nicht jeden Tag spüren müssen. Die Schmerzen aushalten, die du verursachst. Nicht mit dieser ständigen Erschöpfung durch den Tag gehen müssen, die du mir als Geschenk mitgebracht hast. Nicht mit ansehen zu müssen wie mir die Kontrolle über meinen eigenen Körper entzogen wird. Die Gewissheit, dass du für immer da sein und immer wieder einen Stein ins Rollen bringen würdest, war das schlimmste an allem. Es machte mir Zukunftsängste. Sollte alles noch schlimmer kommen? Könnte ich noch Schlimmeres überhaupt ertragen? Im Endeffekt kam alles noch schlimmer und ich habe es ertragen und durchgestanden und werde dafür jetzt belohnt. Das erste Mal seit nun beinahe 3 Jahren kann ich endlich sagen, dass es bergauf geht, dass es mir besser geht. 🙂 Das hohe Vitamin D scheint dich schon jetzt zu beruhigen und auch du protestierst nicht mehr so sehr wie zuvor. Das wiederum beruhigt mich, denn ich wusste ja nicht wie du auf all das reagieren würdest.

Vielleicht brauchte ich dich auch. Du warst mein Warnschuss und hast mir gezeigt, dass ich dringend mein Leben verändern muss. Dass ich mehr auf mich zu achten habe und meine Grenzen akzeptieren und wahren muss. Ich habe immer alles gegeben, bis zum Limit. Du hast mir die totale Entschleunigung gebracht, die mein Körper scheinbar brauchte, um noch Schlimmeres zu verhindern. Ich werde es mir jedenfalls sehr zu Herzen nehmen und vieles, was ich in der letzten Zeit gelernt habe, auch weiterhin so machen, um nicht wieder an solch einen Punkt zu kommen. Denn wie es mir die ganze Zeit über erging, werde ich wohl nie vergessen. Ich wünsche mir von dir, dass du mir noch mehr Freiraum gibst, sodass ich dich nicht jede Minute des Tages spüre und auch ein wenig Abstand zu dir gewinnen kann. Wenn du so zu mir bist wie jetzt gerade und vielleicht sogar noch ein wenig von mir ablassen könntest, wäre ich mehr als glücklich. Denn dann kann ich mal für ein paar Stunden unbeschwert mein Leben genießen. Das ist mein größter Wunsch – also bitte, bitte, liebe MS. Bitte nimm dir in unserer Beziehung ruhig noch mehr Auszeiten. 😉

3 Kommentare zu „Eine durchwachsene Beziehung

  1. Hallo Julia,

    sehr schöner Text. Ich werde mir das bookmarken. Denn ich genauso betrachte die MS auch.
    In dem Buch von Böttcher schrieb dieser, dass mensch sich ein Bild/ Vision von der MS machen soll. Ich hatte Hunde in meinem Bild. Hunde, die eigentlich mich schützen und auf mich aufpassen wollen/ sollen. Nur sind diese Hunde nicht gut gefüttert. Und hungrige Tiere können sehr übel werden. (Ich weiß das. Wenn ich hungrig bin, bin ich auch keine Liebe mehr.) Sie schützen mich immer noch, aber greifen mich auch an.
    Jetzt bekommen sie das auf sie angepasste Futter und sie werden ruhiger.
    So bin ich dankbar für Coimbras Begriff der Vitamin-D-Verwertungsstörung, weil er mir anzeigt, was meinem Immunsystem fehlt. Ich kämpfe nicht gegen mich, schließlich ist mein Immunsystem sonst sehr funktionabel, sondern ich gebe dem Immunsystem was es braucht.

    1. Liebe Carmen, die Veranschaulichung von deinem Hund gefällt mir total gut. Das trifft es so ziemlich auf den Punkt 🙂 Bist du auch im Protokoll? Oder planst du es auch zu machen? Alles liebe für dich 🙂

  2. Hey liebe Julia,

    ich freu mich nach wie vor so sehr für dich dass es immer noch stetig bergauf geht!!!

    Und du sprichst in deinem Text etwas an, woran ich ganz fest glaube. Meiner Meinung nach macht „gegen MS kämpfen“ nicht so viel Sinn wie „sich mit der MS arrangieren“. Ich hatte zum Glück eigentlich von Anfang an nur diesen einen Gedanken: Was kann ich tun um die MS zu besänftigen und ruhig zu stellen. Dagegen ankämpfen machte für mich nie wirklich Sinn, weil sie ja eben sowieso für immer bleiben wird (bei Krebs ist das zB wieder was anderes, da gibt es einen Feind der bekämpft und in die Flucht geschlagen werden muss).

    Ich persönlich stelle mir meine MS immer wie so ein trotziges ungezogenes Kind vor. Und wenn ich nicht das mach was es will (zB wenn ich zu viel Stress zulasse, mir keine Auszeiten gönne, nicht auf mich und meinen Körper achte), dann fängt es an brüllend um sich zu schlagen und in meinem Körper zu wüten. Erziehungstechnisch wäre das natürlich völliger Irrsinn, aber ich versuche nun immer genau das zu machen was es will bzw das zu meiden was es nicht will, damit es glücklich und zufrieden ist und ich meine Ruhe habe. 😀

    Ich wünsch dir also auf jeden Fall weiterhin, dass deine MS jetzt einfach pappsatt ist von dem vielen Vitamin D und erst Mal möglichst lange am Daumen nuckelnd vor sich hin döst. 😉

    Alles Liebe ,
    Claudia

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