Veränderungen

Einfach mal auskotzen

Ich muss hier heute mal ordentlich Dampf ablassen. Bitte nur weiterlesen, wenn ihr das ertragen könnt. Ich habe heute eine Mordswut auf diese scheiß Erkrankung. Ich beschwere mich wirklich nicht oft, versuche alles positiv zu sehen und diese positive Haltung auch anderen zu vermitteln. Generell versuche ich alles von der positiven Seite zu sehen und selbst aus den negativsten Dingen irgendwas Positives zu ziehen. Heute gelingt es mir jedoch absolut nicht.

Die MS kotzt mich heute einfach nur an. Ich musste mal wieder die schlimmsten und stärksten Schmerzen ertragen und eine Fatigue, die mich ans Bett gefesselt hat. Ich hatte erst mit Fampyra, Modafinil, Koffeeintablette und zwei Tassen Guarana-Kakao die Kraft zu duschen. Kann es das sein?!? Ist das jetzt mein Leben, oder wie? Habe ich mir ehrlich gesagt ein wenig anders vorgestellt. Mein Hirn fühlt sich an wie in Watte gepackt und von Nebel umgeben, oft fühle ich mich dann entfremdet, bekomme nichts mit und existiere einfach nur noch. Wie eine leere Hülle. Ausgestorben. Zwar erlebe ich diese enorme Erschöpfung nicht mehr täglich wie noch vor ca. 2-3 Monaten, aber dennoch viel zu oft. Wenn ich mal ein paar gute Tage habe und motiviert bin viel zu unternehmen und auch wirklich richtig viel Spaß dabei habe, mein Herz sich daran erfreuen kann – ja, dann bekomme ich kurze Zeit darauf die stärksten Symptome der ganzen MS-Palette… das macht mich sauer. Als würde mein Körper die Notbremse ziehen, weil ich mir zu viel zugemutet habe. Dabei reduziere ich alles schon sehr sehr stark.

Ich möchte doch bloß annähernd normal leben können. Annähernd. Mir ist bewusst, dass ich krank bin und dass meine Energie und Leistungsfähigkeit nicht mit der anderer vergleichbar ist. Es gibt mittlerweile auch mal Momente, in denen ich davon nichts merke. Die sind zwar von kurzer Dauer, aber dass ich sie nach 2 Jahren überhaupt erleben darf, ist für mich das größte Geschenk. Dennoch sind die schlechten Momente so schlimm, dass es extrem an meinem Gemüt zerrt. Auch körperlich zwingt es mich in die Knie. Ich fühle mich so endlos erschöpft. Dann kommen wieder Ängste und Zweifel in mir auf. Angst, dass es mit den Jahren immer schlimmer werden könnte. Angst vor der Zukunft. Zweifel, ob ich es schaffe wieder zu arbeiten, wenn ich mit meinem Alltag schon überfordert bin. Angst, dass ich nach der Arbeit für nichts mehr Energie habe so wie ich es die letzten zwei Jahre erlebt habe. Die Fassade kann ich eine Weile aufrecht erhalten, aber dann fällt das Kartenhaus in sich zusammen. Dazu kommt der Hintergedanke, dass ich so schnell wie möglich arbeiten MUSS, weil es finanziell gar nicht anders geht. Und zwar mindestens 30 Stunden pro Woche. Momentan ist es noch so schwankend, dass ich mir nicht mal 20 Stunden zutraue. Das kotzt mich alles so an. WARUM?!? Ich habe so viele Ideen, die ich nicht umsetzen kann, weil ich gesundheitlich einfach nicht in der Lage dazu bin. So viele Träume und Wünsche, die sich einfach gerade nicht realisieren lassen. Vielleicht eines Tages? Es tut so weh. Ich will das nicht. Ich möchte so viel mehr vom Leben und es geht einfach nicht. Das macht mich unglaublich traurig. Und wütend. Ja, heute verspüre ich tiefste Wut, Enttäuschung und in gewisser Weise Hass auf die MS. Ich denke das Gefühl kennt jeder, der von dieser Krankheit – oder einer anderen unheilbaren Erkrankung – betroffen ist.

Trotz allem: Gebt euch niemals auf. Ich tu es auch nicht. Solche Tage wird es immer wieder geben. Da bleibt nur zu hoffen, dass der morgige Tag besser wird. Voll von neuer Lebensfreude, Hoffnung und Mut.

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

 

Fühlt euch gedrückt

Eure Julia

8 Kommentare zu „Einfach mal auskotzen

  1. Ich kenne dieses Gefühl auch 1 zu 1! Was mir am aller besten hilft ist wirklich einfach mal ne runde heulen und mit jemandem darüber reden, meistens Kuschel ich mich danach einfach aufs Sofa und gucke desperate housewives und esse Schokolade Ist die beste Therapie! Schonmal von dem Anspruch „let Food be your medicine and medicine be your Food“ gehört? Ich musste da etwas drüber nachdenken aber mittlerweile finde ich ihn echt gut und halte mich da auch irgendwie dran, naja anderes Thema! Was ich dir sagen will: du bist nicht alleine damit! Und wir sind alle für dich da! Ja es ist alles scheiße und zwar verdammt scheiße, aber wir werden die jenigen sein die nicht aufgeben!

    1. Liebe Meike, danke für deinen Kommentar. Leider komme ich erst jetzt dazu ihn zu beantworten. Deine Worte sind sehr lieb und herzlich und ich danke dir dafür 🙂 es ist toll wie hier jeder den Anderen aufmuntert und unterstützt. Wir sind alle Kämpfer und das verbindet ungemein. Mir hilft es auch manchmal einfach den Gefühlen freien Lauf zu lassen und dann kullern die Tränen nur so. Aber es hilft wirklich.
      Fühle dich fest gedrückt! <3

  2. Wie kann ein Mädel, dass ich nicht kenne genau das schreiben was ich fühle, von wegen 1000 Gesichter, das nennt man ja wohl eher Spiegelbild!
    Ich hatte heute meinen „Wattetag“ und nein ich sehe es nicht ein weniger zu machen, weil die Glücksgefühle brauche ich um Tage wie heute zu überstehen 😉

    1. Hallo liebe Line und erst einmal sorry dafür, dass ich jetzt erst auf deinen lieben Kommentar antworte, aber ich denke ich muss dir nichts erklären 😉
      Danke für deine Worte. Es ist immer wieder erstaunlich wie nahe man jemandem sein kann, den man nicht kennt, stimmts?! Geteiltes Leid ist tatsächlich halbes Leid. Ich drücke dich! <3

  3. Heute ist ein richtiger Mini-Pimmel-Arschloch-Tag! Ich verstehe dich voll und ganz, mehr verstehen geht nicht! Ich weiß aber auch, dass es dir nach dem „ausgekotze“ besser geht, du mein Sonnenschein bist und bleibst, und auf uns ein meeeeega, ereignisreichen, tolles Leben wartet! Bald werden die Mini-Pimmel-Nektosen-Hodenzystentage nur noch ganz selten da sein – versprochen!! Love you!!!

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