Erfahrungen und Erlebnisse

Fehldiagnose Depression

Die Zahl der psychisch – insbesondere der depressiv – Erkrankten nimmt kontinuierlich zu. Ich frage mich jedoch wie oft die Diagnose tatsächlich die richtige ist und wie oft andere Ursachen für gewisse Symptomatiken übersehen oder auch nicht ernst genommen werden. Ich selbst kann die letzten Jahre davon ein Lied singen.

Als ich Anfang 2015 mehrere Fachärzte aufsuchte, weil meine Erschöpfung stetig zunahm, ich wahnsinnige Kopfschmerzen begleitet von Drehschwindel und Gleichgewichtsstörungen hatte, prallte ich kontinuirlich gegen eine Wand. Alle meine Untersuchungen waren ergebnislos. „Sie sind kerngesund. Suchen Sie mal einen Psychiater auf“ – das hat gesessen. Weil man nicht direkt eine Ursache für meine Symptome fand, wurden meine Beschwerden als „psychosomatisch“ betitelt. Die Schilddrüse war in Ordnung, im Magen-Darm-Trakt fand man nichts, alle Blutwerte waren bilderbuchmäßig wie man es sich von jedem Blutspender wünschen würde und doch fühlte ich mich alles andere als gesund. Im Gegenteil – Ich schlief regelmäßig im Sitzen ein, war ständig nur erschöpft und fand auch nach dem Schlaf keinerlei Erholung, habe ununterbrochen wichtige Dinge vergessen, machte auf der Arbeit Fehler, sodass meine Kollegen mich schon fragten was eigentlich los war. All das passte nicht zu mir. Ein halbes Jahr später wusste ich dann was mit mir los ist: Multiple Sklerose ist los. Alles ergab plötzlich einen Sinn. Das war ein unglaublicher Schock für mich aber gleichzteitig hat es mich auch beruhigt zu wissen, dass ich nicht verrückt geworden bin und meine Symptome eine organische Ursache haben. Mit der Zeit habe ich nämlich begonnen an mir selbst zu zweifeln.

IMG_4564Auch heute ist es sehr schwer aus der „Depressions-Schublade“ heraus zu kommen. „Die MS ist eine einschneidende Diagnose. Natürlich sind Sie erschöpft und antriebslos. Eine Depression ist völlig nachvollziehbar“. Alles klar. Man wird ziemlich schnell abgestempelt, denn als MS-Kranker muss man ja schließlich depressiv sein. Es wird einem von Ärzten ja quasi eingeprügelt. Der nächste Schritt ist dann, dass ein Antidepressivum verschrieben wird. Ich habe es bis vor kurzem nie genommen, habe mich dagegen gewehrt. Dann war ich einfach neugierig und wollte wissen, was es in mir auslöst. Zudem wollte ich eine psychisch stabile Grundlage für das Coimbraprotokoll schaffen, da es doch privat sehr viele Baustellen gab und auch noch gibt und ich dachte eine kleine Unterstützung kann ja nicht schaden. Und was soll ich sagen? Es hat weder meine Stimmung beeinflusst noch meinen Antrieb gesteigert, noch sonst irgendetwas. Und bevor jetzt Kritiker sagen, dass es dann einfach nicht das richtige Medikament war – ich habe zwei ausprobiert, nämlich Citalopram und dann Trimipramin. Letzteres nehme ich aktuell noch. Wenn es mir etwas gebracht hat, dann 11 Kilo Gewichtszunahme 😉

Ich habe mich nie depressiv gefühlt, schlichtweg einfach bloß erschöpft ohne Ende. Ausgebrannt. Leer. Ich konnte nicht aufstehen, weil ich mich körperlich und kognitiv so sehr erschöpft gefühlt habe, dass es einfach nicht ging. Ich konnte es nicht, Nicht, weil mir Antrieb fehlte. Antrieb hatte ich genug, denn ich hatte die ganze Zeit über so Bock auf mein Leben. So viele Pläne waren da, die ich verwirklichen wollte, Träume, die ich nicht aufgeben wollte.

Das Leben verabredete sich mit mir, aber ich konnte nicht hingehen.

Nach drei Monaten im Coimbraprotokoll gewinne ich etwas an Energie – und somit unglaubliche Lebensqualität – zurück und kann ganz klar sagen, dass ich nicht depressiv bin und es auch die ganze Zeit über nicht war. Der Name des Kindes ist Fatigue, nicht Depression. Leider wird das Eine mit dem Anderen oft gleichgesetzt, was dazu führt, dass man sich nicht ernst genommen fühlt. Bei einer stark ausgeprägten Fatigue bringt einen kein Antidepressivum auf die Beine, auch nicht zwei oder drei. Mir hat dagegen gar nichts dauerhaft geholfen. Ich dachte, dass ich nun bis an mein Lebensende so leben müsste. Ein Glück bin ich auf das Coimbraprotokoll gestoßen, denn somit gewinne ich langsam aber sicher an Energie, an die ich mich schon gar nicht mehr erinnern konnte. Es ist wirklich ein kleines Wunder und ich bin gespannt was sich unter der Dosiserhöhung, die diesen Monat ansteht, noch alles tut.

Infos zum Coimbraprotokoll findet ihr HIER.

4 Kommentare zu „Fehldiagnose Depression

  1. Ohh ja das kenne ich. Wobei ich wirklich unter eine Dystemie. Die habe ich immer noch aber super im Griff. 😉 Aber selbst da hatte Ich das Glück nie Tabletten nehmen zu müssen. Schlimm ist es wenn deine Freunde immer noch nicht begriffen haben warum du jetzt nicht happy und voller Energie bei der Girlsnight bist. Ich liebe Deinen Blog und ich lese ihn so gern.

    1. Liebe Seli, danke für deinen Kommentar. Ich finde es toll, dass du meinen Blog wirklich immer liest und mir so liebes Feedback gibst. Dann weiß ich immer wieder warum ich das alles tue 🙂 ich drücke dich!

  2. Hey Julia,

    Ich kenne tatsächlich den Anfang einer leichten Depression, allerdings ausgelöst durch das Betaferon was ich damals noch genommen habe. Ich war zwar auch müde und antriebslos, aber ich hatte Stimmungsschwankungen die echt nicht mehr feierlich waren, regelmäßig hatte ich mich mit meinen Eltern in den Haaren wegen Kleinigkeiten. Da hat es schon gereicht dass das Messer beim Abendbrotessen links statt rechts lag. Man selber nimmt das im ersten Moment gar nicht wirklich war. Ich bin morgens aufgestanden zur Arbeit, nach hause gekommen, evtl. etwas gegessen oder gleich ins Bett, dann bin ich meist gegen 21 Uhr kurz wach geworden, dann gab es auch meistens Zoff und das ging knapp 2 Monate so, bis ich eines Tages von der Arbeit gekommen bin, im Wohnzimmer saß, eigentlich etwas essen wollte und nicht konnte, weil ich anfing zu weinen und nicht aufhören konnte, dass war der Moment an dem meine Mama für mich die Reißleine gezogen hat. Ich bin mit meinen Mama zum Arzt und wir haben ihr das alles erzählt, sie hat mir gesagt, dass wir rechtzeitig gekommen sind, es nur ein leichter Anfang einer Depression ist und ich konnte mir eine Auszeit nehmen. Das war die Zeit in der ich das Betaferon abgesetzt habe und sehr viel über die MS, meine Ängste usw. gesprochen habe. Glücklicherweise musste ich keine Antidepressiva nehmen, denn die Nebenwirkungen sind ja nun nicht ganz ohne. Und ich versuche alles dafür zu tun, damit das auch genauso bleibt. Das wäre für mich wirklich der aller letzte Ausweg.

    Wir lassen uns nicht unterkriegen!

    Liebe Grüße Jeannie

    1. Liebe Jeannie, danke für deinen Kommentar! 🙂 du hast recht, man selbst merkt es oft gar nicht, wenn man in einer Depression steckt oder verdrängt es erfolgreich. Natürlich können Depressionen als Reaktion auf die MS – oder eben als Nebenwirkung mancher Medikamente – auftreten. Ich möchte damit einfach nur sagen, dass es manchmal nötig ist über den Tellerrand zu schauen und eine Fatigue und Depression zwei verschiedene Paar Schuhe sind, leider oft aber gleichgesetzt werden. Schön, dass du in den schweren Zeiten Unterstützung deiner Eltern hattest. Das ist ganz ganz wichtig <3 Liebe Grüße Julia

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