Gastbeiträge

Gastbeitrag der Erste

Hallo ihr Lieben,

heute möchte ich den ersten Gastbeitrag veröffentlichen. Er stammt von der lieben Cirsten, die ich über Instagram kennen gelernt habe. Sie widmet sich dem Thema „Familie und MS“ und hat in diesbezüglich leider sehr schlechte Erfahrungen gesammelt, was mich sehr traurig macht. Ich wollte ihr gerne einen Raum geben dies zu schildern und freue mich, dass sie ein paar Zeilen verfasst hat. Cirsten ist eine unglaublich starke Frau, die in ihrem Leben schon viel gemeistert hat und alles schaffen kann, was sie sich nur wünscht! Liebes, gib nicht auf! Danke für deinen Beitrag

Falls ihr auch von euch berichten möchtet, dürft ihr euch sehr gerne bei mir melden. Am besten per Mail an morgenkannichfliegen@gmx.de schreiben.

Nun zu Cirstens Beitrag:

MS und meine Eltern

Ich habe mich sehr gefreut, als Julia mir angeboten hat, mich mit einem kleinen Beitrag auf ihrem Blog zu beteiligen. Ich habe lange hin und her überlegt, zu welchem Thema ich mich hier „auskotzen“ möchte. Momentan hängt in meinem Leben so einiges „schief“. Wer mir auf Instagram folgt (dort heiße ich „75Dura“), wird es eventuell mitbekommen haben.

Ich werde mich hier aber einem Thema widmen, was ich bei Instagram nie wirklich erwähnt habe, was mich aber schon seit meiner Diagnose 2003 stark belastet und mich viele Tränen gekostet hat.

Vorab: ich liebe meine Eltern, nach wie vor. Familie war mir schon immer wichtig. Zudem war ich ein absolutes „Papakind“ und hoffte, seit ich klein war, auf Lob und Anerkennung von meinem Vater. Im Nachhinein vergeblich, weil mein Vater eher der Devise „Lob macht faul“ folgte und von seinen Kindern sehr viel erwartete, aber das ist ein anderes Thema.

Fakt ist, dass ich seit mittlerweile knapp zwei Jahren keinen bzw. kaum Kontakt zu meinen Eltern mehr habe. Ich habe lange gebraucht, bis ich eingesehen habe, dass dies die für mich „gesündere“ Alternative ist, auch wenn es mir unheimlich schwer fällt.

Nach der Diagnose 2003 waren meine Eltern natürlich geschockt und komplett überfordert. Meine Neurologin lud sie ein, mit mir zu einem Beratungsgespräch zu kommen, aber das wollten sie nicht, was ich akzeptierte. Stattdessen informierten sie sich im Internet. Gesamtergebnis für sie: ihre Tochter bekommt VIELLEICHT Schübe, die sich wieder zurückbilden. Immer. Vollständig. Dass die Neurologen mir mitteilten, dass die Befunde zeigen, dass ich die MS damals schon schätzungsweise 15 Jahre hatte (Sehnerventzündung mit 14 Jahren, die damals nicht als solche diagnostiziert wurde!) und ich bereits einen progredienten Krankheitsverlauf hatte, stritten sie mit einem „Quatsch!“ ab. Dass ich offensichtlich immer schlechter laufen konnte, ignorierten sie genauso. Sie forderten mich auf, von der MS-Diagnose niemandem zu erzählen, „dann bekommst Du nur Mitleid“. Nächstes Problem war, dass ich mein Studium beendet hatte und die Möglichkeit bekam, im Konzern meines Vaters arbeiten zu können, die MS musste ich jedoch verschweigen. Dass das Ganze absoluter Stress für mich war, weil ich ständig zusehen musste, irgendwie die Gehbehinderung zu „vertuschen“, führe ich hier jetzt nicht weiter aus, das würde den Rahmen sprengen.

Ich lernte 2006 meinen Mann kennen und nach den ersten Besuchen bei meinen Eltern wurde er immer sprachloser. „Deine Eltern wissen ja überhaupt nicht, wie es Dir geht. Und sie WOLLEN es auch nicht wissen“. Es kam nie die Frage, wie es mir geht, wie ich/wir klarkomme(n), was genau meine Einschränkungen sind. Meine Eltern könnten auch über 13 Jahre nach der Diagnose nicht beantworten, was MS ist und wie es ihrer Tochter geht. Nachdem mir meine Neurologin, meine Psychologin, meine Physiotherapeutin und viele Freunde schon lange geraten haben, den Kontakt – zumindest vorübergehend- abzubrechen, da dieser emotionale Stress absolutes Gift bei MS sei, versuchte ich ein letztes Mal in einem Telefonat mit meiner Mutter klar und deutlich zu sagen, wie es mir jetzt geht und wie ich die letzten 13 Jahre erlebt habe. Reaktion? Schweigen.

Dass die Situation mit meinen Eltern „schwierig“ ist, wurde auch meiner Umgebung spätestens im September 2016 deutlich, als ich aufgrund der Auflösung meines Oberschenkelhalses durch Cortison 3,5 Wochen im Krankenhaus lag. Mein Mann hat meine Eltern angerufen, um sie zu informieren und die Reaktion war…NICHTS! Von meiner Mutter kam ein „Ach herrje!“, aber es kam seit dem Anruf keine Nachfrage von ihnen – weder gegenüber meinem Mann, noch meinem Bruder, noch mir- wie es mir geht, was ich genau habe. Den Weg für eine Versöhnung haben sie sich nun komplett verbaut.

Ach ja: meine Mutter nannte übrigens mal als Grund dafür, dass ich MS bekommen habe, DASS ICH SO BIN WIE ICH BIN! Ursache der Erkrankung ist für meine Eltern, dass ich zu sensibel, zu weich bin. Jetzt wisst Ihr Bescheid…

Wie ist es Euch mit Eurer Familie, Euren Freunden nach der Diagnose ergangen? Habt Ihr generell offen von der MS erzählt oder weiß z.B. Euer Arbeitgeber nichts davon?

Da ich noch viel zu erzählen habe, was mir in den letzten 13 Jahren passiert ist und was ich mir für meine Zukunft wünsche, werde ich auch einen Blog „eröffnen“ und/oder ein Buch schreiben. Ich werde davon zu gegebener Zeit auf Instagram berichten – wenn Ihr Lust habt, schaut also gerne bei mir vorbei!

Alles Liebe,

Cirsten

 

4 Kommentare zu „Gastbeitrag der Erste

  1. Liebe Cirsten!
    Wenn ich mir vorstelle, was du die letzten Jahre (ja eigentlich schon seit deiner Kindheit) durchmachen musstest, ist es umso erstaunlicher, was für eine starke, tolle Frau du heute bist. Furchtbar, dass du dich nur über deine Leistung definieren und was du dir alles anhören musstest. Am Liebsten würde man (ich) deine Eltern schütteln und ihnen so einige Sachen an den Kopf knallen. Aber umso besser, dass du nun für dich die Distanz schaffen konntest (was alles andere als leicht ist und vermutlich auch noch in Zukunft viel schwieriger wird, wenn man an nachstehende Ereignisse, evtl. auch Entscheidungen bei möglicher Pflegebedürftigkeit deiner Eltern im Alter oder sogar den Tod deiner Eltern denkt) Wichtig ist, dass du dir immer vor Augen hältst, dass du mit dir im Reinen bist, du (und dein Mann) alles versucht habt und man deine Eltern nie zum Umdenken hätte „erziehen“ können. Investiere keine Kraft und Energie in die Dinge, die dir nicht gut tun, dann hast du automatisch mehr Zeit und Spaß für Menschen/Dinge, die dir Energie schenken. Ich bin stolz auf dich und freue mich in Zukunft von dir zu hören/zu lesen. Hoffe, dass wir uns dieses Jahr auch mal persönlich kennenlernen. Fühl dich gedrückt

    1. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast, um Cirstens Beitrag zu lesen, mein Spatz. Ich finde das alles auch unglaublich schlimm. Ich finde nicht einmal die passenden Worte, um das zu beschreiben, was ich dabei denke und fühle. Da kann man sich wirklich glücklich schätzen, wenn man selbst Eltern hat, die vollkommen hinter einem stehen.

  2. Liebe Cirsten,
    da bin selbst ich sprachlos und das Verhalten macht mich auch ein Stück weit sehr traurig,… auch wenn man meint, die eigenen Eltern müssen Verständnis haben, einen unterstützen… Leider schaffen das nicht alle, da sie sich wirklich in einer Schockstarre befinden, immer noch in der heilen Welt leben und nichts an sich rankommen lassen wollenen können.
    Ich finde es sehr bewundernswert, dass du das öffentlich erklärst, dich abgegrenzt hast und damit umgehen kannst.
    Da ich dir ja eh schon auf Insta folge, freue ich mich sehr, bald mehr von dir zu lesen
    Danke für den Einblick, liebe Grüße sendet,
    Deine Christine!

    1. Liebe Christine, schön dass du Cirstens Beitrag gelesen hast. Ich freue mich auch schon sehr mehr von ihr zu lesen, auch wenn mich das sicherlich sehr traurig und wütend machen wird. Aber so wie die MS vielseitig ist, so ist auch jede Gechichte dahinter anders. Ich drücke dich 🙂

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