Briefe an die MS

Liebe MS

Liebe MS,

ich richte diese Zeilen an dich, weil ich mit unserer derzeitigen Beziehung sehr unglücklich bin. Sie raubt mir sehr viel Kraft und Energie.

Ich weiß, dass du für immer in mir wohnen wirst und das ist auch in Ordnung für mich, wenn du mir ab und zu ein wenig Ruhe gönnen könntest. Du musst auch mich verstehen.. Ich bin 24h am Tag mit dir zusammen und habe keine freie Minute. Könntest du dir und mir, ja könntest du uns nicht ab und zu eine Pause gönnen? Ich glaube das würde unserer Beziehung echt gut tun! Ich habe keinen Freiraum, du bedrängst mich sehr mit deiner bestimmenden, einnehmenden und herrschsüchtigen Art. Auch prallen unsere Dickköpfe aneinander und es gibt Streit zwischen uns. Dann wünsche ich dich weit weg zum Mond und du guckst mich selbstgefällig und lächelnd an, was so viel bedeutet wie: „Du weißt doch selbst, dass das nicht geht aber wünschen kannst du dir ja vieles.“

Ich weiß noch wie du letztes Jahr vor meiner Tür standest. Ohne Vorwarnung. Du hast mein Klingelschild schon eine ganze Weile betrachtet und warst dir sicher, dass du nun hier wohnen willst. Du warst nicht mal so höflich und hast geklingelt. Nein, du hast einfach meine Tür eingetreten, bist in meinen persönlichen Raum eingedrungen und bist seitdem nicht mehr ausgezogen. „Ich wohne jetzt hier. Mit dir. Für immer.“ Hast du gesagt und mir all deine schweren Taschen in die Arme gedrückt. Wozu braucht man so viel Gepäck? Ok, du bist eine Frau ABER…. Unzählige Taschen und Umzugskartons mit merkwürdigen Aufschriften: Fatigue, Schwindel, Kopfschmerzen, Missempfinden, unaushaltbare Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Konzentrationsstörungen, gestörte Feinmotorik, Armparese. Damit und mit vielem mehr bist du bei mir eingezogen. Und verdammter Mist, ganz a la Frau gehst du auch noch gerne shoppen und bringst immer wieder eine neue Kiste mit, die ich irgendwie in der Wohnung verstauen muss, obwohl schon lange kein Platz mehr ist. Mensch, tu mir den Gefallen und bekomme deine scheiß Kaufsucht in den Griff. Ich meine es ernst. Ständig räume ich dir hinterher, sortiere alles neu und du bringst wieder richtiges Chaos in meinen schönen Wohnraum. Als würdest du mich beobachten und wenn ich den Eindruck habe jetzt läuft es, benimmst du dich wie ein trotziges Kind und wirfst alles wieder durcheinander. Einfach weil es dir Spaß macht.

Ich gebe mir größte Mühe ein guter und fürsorglicher Gastgeber zu sein. Ich sorge so gut für ich, nehme Rücksicht und verzichte auf einige Dinge, weil sie dir nicht passen. Manchmal habe ich das Gefühl du leidest unter Manie mit Realitätsverlust – so fällst du mit der Tür ins Haus und ich muss dir ganz klar deine Grenzen aufzeigen. Irgendwann – und das schwöre ich dir bei allem, was mir lieb ist – weise ich dich für einige Zeit in eine Klinik ein und da lasse ich dich erstmal schmoren, wenn du dich nicht etwas zurückhalten kannst. Denn immer noch ich habe hier die Oberhand. Schließlich war ich zuerst da.

Du verärgerst mich sehr oft, bringst mich zum weinen. Du reißt mir immer wieder den Boden unter den Füßen weg, lässt mich zerbrechen und zwingst mich in die Knie. Ein Glück stehe ich immer wieder auf und gebe dir Kontra. Du weißt so läuft es nicht. Aber – wie alles im Leben – hast du auch eine sehr positive Seite an dir, für die ich dir trotz allem sehr dankbar bin. Du zwingst mich zur Ruhe zu kommen, meine Grenzen überhaupt wahrzunehmen und sie dann auch noch zu akzeptieren. Du lässt mich die kleinen Dinge in ganz hellem Licht sehen und öffnest mir die Augen für wahres Glück, welches sich sonst im Schatten von vielen Anderen verstecken würde. Du hilfst mir dabei mehr bei mir zu sein, mich besser kennen, schätzen und lieben zu lernen. Du machst kostbare Momente noch ein Stück kostbarer und machst sie zu etwas ganz Besonderem. Das sind – neben vielen weiteren Eigenschaften – Dinge, für die ich dir dankbar bin. Aber unsere Reise geht noch weiter. Also, was wirst du mich noch lehren? Du bist eine Meisterin im Lehren. Noch nie habe ich so viel dazugelernt und bin an Herausforderungen gewachsen. Erst seitdem du da bist. Seit du direkt unter meinem Herzen wohnst. Dort ist es schön warm und du fühlst dich sicher. Du möchtest nicht mehr gehen, ich weiß. Und das musst du auch nicht. Ich gewähre dir lebenslanges Wohnrecht. Ja, vielleicht kann ich mich wirklich darauf einlassen. Aber bitte, bitte, sei ein wenig rücksichtsvoller im Umgang mit mir. Bitte. Darum bitte ich dich von Herzen.

Deine Julia

 

4 Kommentare zu „Liebe MS

  1. Toll!! Du hast vollkommen recht mit dem was du schreibst . Habe es so noch nicht gesehen aber das was du in den brief geschrieben hast klingt ziehmlich einleuchtend für mich. Danke

  2. Liebe Julia,
    vielen vielen Dank dass du diesen Brief mit anderen Betroffenen teilst und mit allen, denn besser auf den Punkt kann es keiner bringen. Ich denke, NEIN, ich bin mir sicher, wenn wir ganz bei uns sind, gelernt haben, auf uns selber einzulassen und so zu lieben wie wir sind, erst dann wird die MS ein stiller Mitbewohner werden. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr mich deine Worte glücklich machen denn ich weiß ich bin mit diesen Gedanken nicht alleine auf dieser Welt. DANKE .
    Drück dich doll liebe Julia ❤️

    1. Liebe Claudia, vielen lieben Dank, dass du so fleißig meine Beiträge liest 🙂 und umso mehr freut es mich, wenn meine Worte dich erreichen und etwas bei dir bewirken. 🙂
      Ich denke auch, dass Akzeptanz ein ganz wichtiger Punkt ist. Nur ist es manchmal so schwer. Aber das wird! Fühl dich gedrückt!

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