Wie alles begann

DCIM100GOPRO

Die ersten Symptome

Oftmals kann ein Betroffener gar nicht einschätzen wann seine Erkrankung eigentlich angefangen hat. Manchmal schleicht sie sich immer mehr in unseren Körper bis es irgendwann zu einem großen Knall kommt und man sie plötzlich spürt. Plötzlich ist etwas anders und zwar gewaltig. Etwas, das man vorerst gar nicht wirklich zuordnen konnte. Ich denke auch bei mir war es so.

Ich bin ganz plötzlich jeden Morgen erschöpft aufgewacht, unabhängig davon wie viel Schlaf ich hatte. Generell bin ich schon immer eine von denen gewesen, die relativ viel Schlaf brauchte. Kein Wunder, denn ich lebte immer in Hektik, stand ständig unter Strom. Da ich als Krankenschwester im Schichtdienst gearbeitet habe, wozu natürlich auch Nachtdienst gehört, kannte ich eine starke Müdigkeit dementsprechend nach ein paar Diensten am Stück. Diese Müdigkeit jedoch übertraf alles, was ich kannte. Ich habe mir vorerst nichts dabei gedacht, habe mich bloß gewundert und mir selbst gesagt: was von alleine kommt, geht auch von alleine wieder. Ich wurde natürlich eines besseren belehrt.

Ich habe das ganze Spektakel ein paar Wochen mit angesehen, war mir dann aber ziemlich schnell bewusst, dass ich der Sache auf den Grund gehen muss. Als Krankenschwester vermutete ich zuerst eine Schilddrüsenunterfunktion, da dies schon immer wieder im Raum stand. So habe ich mir gleich einen Termin bei einem Endokrinologen (deutsch: Arzt, der sich mit dem Hormonhaushalt befasst) besorgt und war drei Wochen später dort vorstellig. Inzwischen ging es mir von Tag zu Tag schlechter. Ich funktionierte einfach nur noch. Wie ein Roboter.

Auf der Arbeit ließ ich stark nach, für meine Freizeit hatte ich kaum noch Energie. Ständig schlief ich bereits am frühen Abend ein. Mein Mann fragte sich nun auch, was mit mir nicht stimmte. Zu der abnormen Müdigkeit kamen extremste Kopfschmerzen mit Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen hinzu. Dazu muss ich sagen, dass ich schon immer sehr oft Kopfschmerzen hatte und mein Vater an Migräne leidet, weshalb man es vorerst darauf zurückführe. Aber auch solche starken Kopfschmerzen waren mir bisher nicht bekannt. Ich beschrieb sie meinem Mann als unglaubliches Druckgefühl – So als würde etwas direkt auf meinem Gehirn sitzen und jenes zerquetschen. Ich sollte Recht behalten. Ist es nicht erstaunlich welches Feingefühl wir für unseren Körper haben können?
Ich wurde ständig krank, bekam einen grippalen Infekt nach dem anderen und ständig entzündeten sich meine Mandeln. Körperlich sowie seelisch fühlte ich mich jeden Tag schlechter.
Beim Endokrinologen wurde alles getestet, was in Frage kommen könnte. Wie ihr euch denken könnt natürlich ohne Ergebnis. Mir wurde ärztlicherseits freudig mitgeteilt, dass ich kerngesund sei und jetzt kommt es: eventuell mal vorstellig bei einem Psychiater werden sollte. Da musste ich erstmal schlucken.

Ich finde es schrecklich, dass viele Beschwerden auf die Psyche zurückgeführt werden, wenn man nicht sofort einen Anhaltspunkt hat. Noch erschreckender finde ich, dass ich nun nach bereits vier Monaten ergebnisloser Suche selbst Zweifel an allem hatte. Mir kamen die Tränen, weil ich immer noch keine Antwort auf alles hatte. Wie gerne hätte ich den Fehler im System aufgedeckt und dementsprechend behoben. Ich war mir aber sicher, dass diese Art von Beschwerden nicht bloß psychosomatisch bedingt sein konnten. Irgendetwas stimmte mit meinem Körper nicht – und zwar gewaltig.
Kurz darauf folgte auch schon die schlimmste Depression, die ich jemals hatte. Ich fühlte mich tief traurig und enorm antriebslos. Ständig fing ich an zu weinen und war mit allem überfordert. Ich stellte vieles in Frage und befand mich in einer Sinnkrise. Diese depressive Phase dauerte knapp sechs Wochen an und dann konnte ich aufatmen. Ich ging wieder zur Arbeit und war mir sicher, dass es von nun an bergauf ging, da ja auch bald die Hochzeit mit der Liebe meines Lebens vor der Tür stand. Auf der Arbeit stellte ich fest, dass sich an meinem Leistungsabfall nichts gebessert hatte. Im Gegenteil – ich vergaß alles und war einfach nicht bei der Sache. Mir wurde alles zu viel. Die Erschöpfung warf mich jeden Tag erneut aus der Bahn. Nach der Arbeit fühlte ich mich als würde ich in einen komatösen Zustand fallen. Eine Kollegin, die ich immer sehr geschätzt habe, sprach mich darauf an, was denn eigentlich mit mir los sei. Ich würde alles vergessen und kein Gespräch mehr aufnehmen. So kannte sie mich nicht. Darauf konnte ich ihr bis dahin keine Antwort geben, war aber etwas erleichtert, dass es anderen auch auffiel – also konnte ich mir all das nicht bloß „zusammenspinnen“.
Ein paar Tage darauf wachte ich morgens mit tauben Fingerspitzen auf. Ich hatte Bereitschaftsdienst, hatte somit auf der Arbeit genächtigt und am Abend zuvor enorm starke Rückenschmerzen gehabt, weshalb ich die tauben Fingerspitzen auf einen eingeklemmten Nerv zurückführte. Es wird schon wieder, dachte ich.
Die Beschwerden nahmen von Tag zu Tag zu. Aus den Fingerspitzen wurde die ganze Hand, dann der ganze rechte Arm mit Beteiligung der Brust und Bauch. Auch meine Harnkontinenz musste schon darunter leiden. Ich schaffte es nicht immer rechtzeitig zur Toilette. Mein Arm kribbelte wie verrückt und es jagte mir immer wieder ein blitzartiger Schmerz durch den Arm. Wovor ich mich so lange gedrückt hatte, war nun unumgänglich – der Krankenhausaufenthalt. Und es klingt verrückt, aber ich habe zu diesem Zeitpunkt schon gespürt, dass ich Multiple Sklerose habe, wollte es aber nicht wahrhaben und habe gehofft alles verschwindet einfach so wieder wie es gekommen ist. Pustekuchen. Es war erst der Anfang.